Interessant, dass unsere Familien-Ministerin nun ein Buch herausgegeben hat mit dem ominösen Titel „Danke, emanzipiert sind wir selber.“ Gut, der Grundgedanke dieser kleinen Schrift ist nicht wirklich neu und in unzähligen anderen Werken – die in der Buchhandlung ihres Vertrauens meist unter der Rubrik „Ratgeber“ zu finden sind – wirkt ziemlich ausgelutscht. Aber was sich da auf dem literarischen Gebiet des femininen Selbstverständnisses insgesamt tut, ist wahrlich interessant und hat mit dem alt hergebrachten Gedanken der 68er-Power-Emanzen à la Alice Schwarzer nicht mehr viel zu tun. In der neuen, schönen, postmodernen femininen Welt verkommt die Institution Familie zu einem schnöden Wort-Konglomerat mit negativer Konnotation: Kinder kriegen –Mutter sein – Erziehen – die früheren Grundpfeiler des weiblichen Selbst- und, zugegeben, auch männlichen Fremdverständnisses weichen zunehmend auf und verflachen. Wer sich heute noch als Frau dazu entscheidet, ein Kind zu bekommen, der gibt sich meist der Häme seiner sogenannten Freundinnen preis. Und wagt man als Frau den Schritt hin zur Großfamilie, so wird man förmlich stigmatisiert und – hinter vorgehaltener Hand – als asozial abgestempelt.
An die Stelle der treu sorgenden und Liebe spendenden Mutter scheint ein nie dagewesener Irrglaube über die sogenannte Selbstverwirklichung getreten zu ein. Irrglaube deshalb, weil es in dem Selbstverständnis, das den Frauen da in vielen Büchern suggeriert wird, nicht um echte Selbstbestimmung oder gar individuelle Lebensentwürfe zur Verwirklichung von Lebensträumen geht, sondern vielmehr um eines: Arbeit, Arbeit, Arbeit.
Es ist die Karriere, die für jede Frau das höchst erstrebenswerte Ziel zu sein hat - das jedenfalls, posaunen en gros viele Ratgeber – geschrieben meist von Frauen, wohlgemerkt. Das Leben für den Job und für die Firma wird darin zur allgemeingültigen Prämisse erhoben: Eine gute Mutter ist demnach nur diejenige, die zwischen Karriere, Golfplatz und Shopping-Touren ihrem Kind die Fünf in Mathe mit einer légèren Unterschrift signiert, um es dann lächelnd an den Ganztagshort zu opfern. So erwecken nun also Frauen bei Frauen den Eindruck, die höchste Stufe der Glückseligkeit sei im Job zu finden, ganz ohne Kind und Kegel, was gleich aus zwei wesentlichen Gesichtspunkten heraus problematisch ist. Erstens: Mit der Aufweichung des Mutterbegriffs begeben sich die Frauen erneut in eine Abhängigkeit, nämlich in die des neo-liberalen Arbeitsmarktes. Das hat nichts Emanzipatorisches, sondern vielmehr etwas Rigides. Sie machen sich somit verwertbar für diesen Markt, erheben ihn gleichsam zur neuen, heilbringenden Religion und vergessen dabei ganz sich selbst. Viele von uns Männern sind über dieses Stadium der Arbeitsgläubigkeit übrigens auch nie hinaus gekommen und definieren sich ausschließlich über das, was sie tun, statt zu sagen, wer sie sind. Alle Aufsichtsräte und Bosse dieser Welt dürften sich über so viele Glücksgefühle beim Arbeiten wirklich freuen und forcieren die Power-Worker-Mentalität mit tollen Coachings und teambildenden Maßnahmen. Na super...
Was ich generell einmal klarstellen will ist: Karriere mag für manche Frauen ja ein nettes Lebensideal sein, das noch dazu viel schicker sein kann, als die Windeln eines schreiendes Babys zu wechseln. Aber warum zur Hölle erwecken denn gerade Frauen bei Frauen den Eindruck, eine Familie zu gründen und sich der verantwortungsvollen Aufgabe der Erziehung zu stellen, sei ein gesellschaftliches Knock-Out-Kriterium? Und (damit läute ich Punkt zwei ein): Beschneiden diese Frauen, die sich so für eine Überhöhung des Berufs zum absoluten Lebensmodell einsetzen, in ihren Büchern nicht die Lebensskizzen der vielen anderen Geschlechts-Genossinnen, die ihr Glück eben in der eigenen Familie finden und bereits gefunden haben? Nun: Ich denke schon, denn Glück ist nun mal für jeden Menschen etwas völlig Subjektives, was sich nicht in irgendwelche Schablonen pressen lässt. Das sollten auch die Autorinnen der vielen Ratgeber bitteschön anerkennen – sonst werden aus ihren Werken nämlich ganz schnell Anleitungen zum Unglücklichsein.
Anmerkung meinerseits: So, und damit hier kein Mißverständnis entsteht: Ja, ich finde 'echte' Emanzipation etwas Tolles und Wichtiges. Somit bin ich auch selbstverständlich dafür, dass man mehr Führungspositionen mit Frauen besetzt und diesen generell die gleichen Löhne zahlt wie ihren männlichen Kollegen (Stichwort: equal pay) und so fort. Emanzipation, das hat jedoch immer etwas mit Eigenständigkeit, Freiheit, Mündigkeit und Autonomie zu tun. Mit diesen Eigenschaften haben die oben gemeinten Bücher jedoch nichts gemein, vielmehr sind sie eine neue Form der Fremdbestimmung und somit das Gegenteil davon, was sie sein wollen.
Günter Grass-Gedicht: Über Israels Atomprogramm, Medienhype und Kultur
Was Herr Grass mit seiner letzten Tinte so runter schreibt, hat wenig mit einer poetisch anspruchsvollen, mit Jamben oder gar Trochäen gespickten Friedens-Ode zu tun. Es ist vielmehr die Bestandsaufnahme einer prekären politischen Gesamtsituation des Nahen Ostens. Das israelische Atomprogramm erfuhr in den 1950er Jahren die Unterstützung unserer französischen Nachbarn und besteht seit seinen Anfängen aus sehr vielen Unbekannten: Über die Menge der atomaren Sprengköpfe - und damit über die atomare Schlagkraft der Israelis - ist recht wenig bekannt. Als sicher gilt: Israel verfügt seit 1967 über die Atombombe und hat diese 1975 auch Südafrika zum Kauf angeboten.
Laut der Federation of American Scientists besitzt Israel rund 200 bis 250 Atomsprengköpfe für Mittelstreckenraketen und verfügt damit über ein enormes apokalyptisches Potential. Alleine das verdient schon Beachtung und unsere vollste Aufmerksamkeit, auch weil Israel bis heute nicht den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat. Nun sind der (vermeintlich) stetig an einer Atombombe werkelnde Iran und das an einem atomaren Erstschlag interessierte Israel im wahrsten Sinne des Wortes eine explosive Mischung. Wenn sich jetzt Herr Grass zu Wort meldet und dies so große Wellen schlägt, so ist das m. E. insofern von Bedeutung, als dass es uns zeigt, wie wenig die große Politik bis dato an einem gefährlichen Status Quo, an einem schwelenden atomaren Kabelbrand, an einem labilen Gleichgewicht ändern konnte und wollte.
Grass führt seine Feder und erhebt sie mahnend, erinnernd – und ja: Auch wenn man ihm, der sich im 2. Weltkrieg versündigte, eine gewisse Doppelmoral zu und seine (Alters-)Weisheit absprach – so schafft sein niedergeschriebener Monolog eines: Kultur selbst. Kultur in ihrer Urform, denn in einem künstlerischen Freiraum darf gedacht werden, was auf diplomatischem, rutschigem Parkett unsagbar - und vor allem unschreibbar - wäre. Grass selbst mag somit streitbar bleiben, sein Gedicht gar eine mehr schlechte als rechte Provokation sein, doch der vom medialen Hype durchsetzte, oberflächliche Zeitgeist greift diese doch dankbar auf. Und genau darin erkenne ich einen nutzbaren Effekt: In unserem willfährigen Zeitalter, indem die Polarisierung scheinbar nur noch schlechten Laien-Darstellern im Nachtmittags-Programm obliegt, wird es Zeit, Haltung zu beziehen, die schwülstigen Wohlstandsbäuche abzustreifen und die Playstation zur Seite zu legen. Auch wenn wir gerne daran glauben wollen: Das Leben ist nun mal kein Ponyhof und wenn Deutschland ein sechstes U-Boot nach Israel liefert, ist eben das (!) der eigentliche Skandal und demonstriert ein weiteres Mal die scheinheilige Verzahnung von Politik und Wirtschaft, die den Cashflow anbeetet und vor das Wohl der Menschheit stellt.
Ja es ist unglaublich, dass schon die rot-grünen Exportrichtlinien solche Waffen-Deals billigten, dass Deutschland von Haus aus die stählernen U-Boot-Kolosse mit zwei unterschiedlich großen Torpedo-Rohren ausstattet (sechs Rohre mit dem Standard-Durchmesser von 533 Millimetern und vier mit einem Durchmesser von 650 Millimetern, aus denen man dann auch atomare Marschflugkörper (Reichweite rund 1500 km) abfeuern könnte), dass Herr de Mezière sich dabei noch strahlend die Hände reibt und wir, ja wir alle, nichts dagegen tun und das zur besten Sendezeit ertragen, weil wir so schrecklich abgestumpft, so übersättigt, so gleichgültig wurden in unseren Kathedralen des Wohlstands, mit ordentlichem Vorgarten und Family-Van in der Garage.
Wenn der von Trägheit zerfressene Durchschnitts-Deutsche eben erst ein sogenanntes Gedicht benötigt, um sich so endlich einem drohenden atomaren Flächenbrand bewusst zu werden: Meinetwegen. Auf dass es nicht in den Tiefen der Feuilletons oder in den Höhen der Deutungs-Horizonte versauere und sich aus den Zeilen des alten Mannes auch ein paar konkrete Ideen für eine politisch konstruktive Auseinandersetzung ableiten lassen, bevor wir alle die Trompeten von Jericho hören (Jericho nennen sich übrigens auch die israelischen Boden-Boden-Raketen, die ihre atomare Fracht bis zu 7000 km vom Nahen Osten ins ferne Irgendwo tragen können).
Und weil gerade Ostern ist - ein kleines Bibel-Zitat zum Abschluss:
"Laß alle Kriegsmänner rings um die Stadt her gehen einmal, und tue sechs Tage also. Und laß sieben Priester sieben Posaunen des Halljahrs tragen vor der Lade her, und am siebenten Tage geht siebenmal um die Stadt, und laß die Priester die Posaunen blasen. (3. Mose 25.9) Und wenn man das Halljahrshorn bläst und es lange tönt, daß ihr die Posaune hört, so soll das ganze Volk ein großes Feldgeschrei machen, so werden der Stadt Mauern umfallen, und das Volk soll hineinsteigen, ein jeglicher stracks vor sich. "
Was ist nun das inhaltliche Ergebnis dieser Landtags-Wahl? Heiko Maas ist zum dritten Mal gescheitert und steht zerknirscht vor den Fernsehkameras – wieder hat ihm der Napoleon von der Saar, Oskar Lafontaine, den Schneid abgekauft und viele Wähler abgeknöpft. Und auch wenn DIE LINKE einige Verluste hinnehmen musste, so scheint es im Saarland ein starkes Bedürfnis an Politik jenseits des alten sozial-demokratischen Milieus zu geben. Dass Sigmar Gabriel und Konsorten eine Rot-Rote-Regierungskoalition im Saarland immer noch ausschließen und lieber mit der an Ausstrahlungs-Schwäche leidenden (sehr wahrscheinlich wieder) Ministerpräsidentin klüngeln, zeigt einmal mehr ihre persönliche Untreue zu den eigenen politischen Leitmotiven.
Plakativ wird die zunehmende inhaltliche Verwaschung der beiden großen Parteien auch in den personellen Umfrage-Ergebnissen zu AKK und Heiko Maas demonstriert: So kann die Mehrheit der saarländischen Befragten erst garkeinen Unterschied zwischen den beiden in Sachen Sympathie und Glaubwürdigkeit ausmachen. Mit Verlaub: Das finde ich schon schlimm genug.
Ungeachtet dessen wehte im Saarland immer schon ein ganz besonderer Koalitions-Wind jenseits der Linken. Der 'clevere' Hubert Ullrich, der sich im Jahre 2009 gegen eine Zusammenarbeit mit den tief Roten entschied, muss nun - und vielleicht aufgrund dieser strategischen Fehlentscheidung - um den Einzug in den Saar-Landtag bangen.
Die neo-liberale Odysee der FDP geht derweilen weiter und das hat mit weit mehr zu tun, als mit der Befindlichkeit eines kleinen Bundeslandes im Südwesten der Republik. Vielmehr zeigt das Scheitern der FDP an der 5-Prozent-Klausel, dass man die inhaltliche Leere dieser Partei auch im Saarland endgültig erkannt hat. Etwas polemisch könnte man das Ganze auf einen Nenner bringen: Der Neo-Liberalismus hat ausgedient und es erschreckt, dass die FDP gerade mal 267 Wählerinnen und Wähler mehr mobilisiert hat als die NDP.
Ach ja: Dann wären da noch die Piraten. Auch wenn man dieser juvenilen politischen Strömung noch ein wenig Zeit geben sollte – und deren Ergebnis wahrscheinlich vielmehr einem Erst-Wähler-Bonus und Coolness-Faktor geschuldet ist, den die deutsche Parteien-Landschaft bisweilen partiell vermissen ließ - so haben die freibeuterischen Jungs und Mädels ihre Sache durchaus gut gemacht. Wie es mit ihnen weiter geht – man wird's sehen.
Alles in allem sehe ich in Sachen Politik für das Saarland eher schwarz als rot- ganz nach dem Motto: Nach der Wahl ist vor der Wahl...
Veritas Temporis Filia – Ein kleiner nostalgischer Ausflug in die 1980ger
Wie sagte Aulus Gellius so teffend: Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Und so streben wir in unserem Alltags-Trott fort, pendeln zwischen Arbeitsstelle und Zuhause hin und her – bereisen zwei, drei oder mehr Lebenswelten, die für viele längst nur noch zu Durchgangs-Stationen geworden sind. Doch die Zeit entrinnt und schlimmstenfalls erleben wir uns schon längst nicht mehr als aktiv Handelnde. Der Soziologe Fritz Schütze würde wohl sagen, dass man in diesem Moment zum passiv Erleidenden Subjekt wird, dessen sogennante Verlaufskurve tendenziell negativ verläuft.
Es geht, so scheint es mir, darum, die eigene Umwelt, das, was uns umgibt aktiv warzunehmen – immer und jeden Tag. Das hat wenig mit den Verheißungen der sogenannten Ratgeber-Literatur zu tun, als vielmehr mit einer Form der inneren Ausgeglichenheit und Ruhe. Haben wir uns als Kinder nicht genau in der uns umgebenden Lebenswelt ausgekannt? Damals, als wir mit unseren Fahrrädern nur bis zum Punkt X fahren durften, da wussten wir noch, wenn gegenüber eine neue Familie einzog und nahmen auch wahr, wenn die Wiesen, auf denen wir spielten, einen frühlingshaften Duft verströmten. Die Jahreszeiten waren für uns in dieser Zeit noch unmittelbar wichtig, denn ob es kalt oder warm war oder regnete und schneite, entschied unmittelbar darüber, ob wir draußen toben durften oder eben nicht.
Und die Welt draußen, die hatte wirklich viel zu bieten und war unser kleiner großer Kosmos, in dem wir Staudämme bauten und auch so manches Ungeheuer unter alten Kanaldeckeln wähnten. Diese mystische Kinderwelt hatte vielleicht einen Radius von drei Kilometern – sie war aber unsere unmittelbare Lebenswirklichkeit, in der wir erfuhren, was Freundschaft, Freude und Glückseligkeit heißt. Strukturiert wurde diese Zeit vom Rhytmus der Mahlzeiten und den abendlichen Besuchen des Eismanns, der mit einem alten grün-roten VW-Bus die Viertel der Stadt bereiste. Das Geläute seiner Glocke deutete uns an, dass der Tag bald vorüber sein würde. Eine echte Kassette: So hörte man damals Musik.
Auf der Wiese, auf der wir zuvor Fußball gespielt hatten, fanden sich nun einige Erwachsene ein, die sich im Lichte der letzten Sonnenstrahlen noch ein paar Bälle zukickten. Und die Großfamilie von gegenüber feierte mit Schlagern, die man von einer Kassette (sowas gab's damals noch) abspielte, den Abend und beschallte zum Leidwesen einiger (Spieß-)Bürger die Umwelt.
Sommerhit des Jahres 1987 – Die Berliner Band 'The Other Ones' mit ,Holiday'
Der Abenteuer-Spielplatz, auf dem ich aufwuchs, hatte aber noch weit mehr zu bieten. So verbrachten wir Wochen damit, die wenig befahrenen Straßen mit unseren Skateboards herunterzubrausen, mit unseren Kettcars die Garagen-Einfahrten der Nachbarschaft unsicher zu machen, Löcher zu buddeln und vieles mehr.
All meine kleinen Anekdoten sollen Ihnen zeigen, dass sich alles im Leben ändern kann, keine Variable ist konstant. Keine – außer die der Zeit – die uns unaufhöhrlich entrinnt – und in deren Schatten uns irgendwann unsere Lebensbilanz präsentiert wird... Wie es Michael Ende, der Schöpfer der zeitsuchenden Momo, treffend formuliert: "Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot. " Da hat er recht...