Montag, 21. Januar 2013
Winter, Winter, überall
Heute mal ein kurzes Geständnis meiner Unverständnis. Ich meine, wir haben uns doch alle schon daran gewöhnt, dass uns CNN, NTV und RTL, ja zuweilen sogar ARD und ZDF, mit melodramatischen Nachrichten-Schnipseln unseren Alltag versüßen. Da wird eine leichte Windböe zum Tornado upgegradet, dauerhaft höhere Temperaturen zum "Jahrhundersommer" erklärt und jährlich wiederkehrende Hochwasser stets zur "Jahrhundert-Flut" gekürt. Meist unterlegt man die zurechtgeschnittenen Trailer dann noch mit einer appellierenden Alarm-Stimmungsmusik, um die Brisanz der filmischen Eindrücke nochmal kräftig zu unterstreichen. Und so ist es kaum verwunderlich, dass auch der Winter, diese stets sensationelle Jahreszeit gleich nach dem Herbst und vor dem Frühling, immer wieder das Opfer der investigativen Nachrichtenfalle wird. So tragen sämtliche Sendeanstalten aus allen Teilen der Republik, nach den ersten Schneefällen sämtliche Bilder zusammen, die sie von dem frostigen Gesellen so bekommen können.

Aus Bayern, vom Weißwurst-Äquator, treffen laut RTL-Mittagsmagazin erschreckende Neuigkeiten ein: So sei Rentnerin Ilse P., beim Versuch mit ihrem Dackel Waldi P. über die Straße zu gehen, ausgerutscht, und habe sich den Knöchel verstaucht, was wiederum den Münchener Oberbürgermeister dazu veranlasst haben soll, eine Winterdienst-Taskforce einzuberufen, deren Schlagkraft man sich für einen eventuellen Erstschlag des Winters in der Hauptstadt vorbehalte. NTV berichtet live aus dem Münchener Lagezentrum und führt erste Live-Interviews mit den lanjährigen Streuwagen-Fahrern Horst B. und Yusuf Z.

Auch Gerhard K., ein passionierter Langzeitarbeitsloser aus Magdeburg erblickt eine Schneeflocke, was ihn dazu motiviert, seinen zwanzigtausend Twitter-Followern den vielversprechenden Satz: "Hier schneit's", mitzuteilen. Diese Botschaft löst im Netz wiederum einen echten Schneesturm aus. In Sekundenschnelle weiß Chef Ferdinand H., aka DarkShadow, leidenschaftlicher Leser der tiefgründigen Kurzbotschaften, nun, dass seine Mitarbeiter Nico C., Schantalll F. und Co. wohl morgen eher nicht zur Arbeit erscheinen werden, um der Gefahr eines drohenden Blechschadens und dem Risiko eines Wegeunfalls aus dem Weg zu gehen.

ZDFneo entschließt sich nach einer rasch einberufenen Redaktionssitzung dazu, dem Wintereinbruch eine Online-Spezial-Sendung zu widmen, während die ARD sich durchringt, einen ihrer Meterologen dramaturgisch korrekt auf dem Feldberg zu platzieren, denn da soll die bis dato einzig geschlossene Schneedecke existieren. Meteorologe Wiegald D. stellt sich für das Unterfangen zur Verfügung – vorausgesetzt, der Sender stelle ihm Thermo-Unterwäsche und kuschelige Ohrenschützer zur Verfügung, so D..

Die arte-Redaktion verabschiedet derweil einen Winter-Thementag, der die Bedeutung des Winters in der Postmoderne untersuchen soll.

Das gesteigerte mediale Interesse an dem tendenziell bevorstehenden Wintereinbruch bleibt auch in Deutschlands Baumärkten nicht unbemerkt: Pflichbewusst pilgern diejenigen in langen Wagenkolonnen zu den Einkaufsoasen des Landes, denen die Liberalität der Fußwege ein echtes Anliegen ist: die deutschen Rentner. Der Absatz von Streusalz und der Verkauf von Schneeschippen der Marke "PermaFrost" steigen daraufhin im Minutentakt, aus einigen Märkten wird von regelrechten Hamsterkäufen berichtet.

Auch in den dritten Programmen möchte man dem Winter, diesem brandheißen Thema, nun gerecht werden, weiß aber nicht wie. Ilse Z., seit sechzig Jahren Sekretärin beim Sudwestfunk, wirft ein, man könne sich ja mal im Archiv umsehen. Und tatsächlich entschließen sich die Programmchefs nach minutenlanger Recherche des Praktikanten Thorsten A. einhellig dazu, eine winterliche Folge der allseits beliebten Sendung "Kein schöner Land..." mit Günter Wewel auszustrahlen – in Endlosschleife, Hauptsache Schnee.

All das lässt bei dem geneigten RTLII-Zuschauer und Talkshow-Liebhaber Werner K. den durchaus berechtigten, fragend-anprangernden Einwurf verstehen: "Lisbäth, dat schneit schon bald. Haben die'n Winter denn nich kommen sehn?"
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Sonntag, 16. Dezember 2012
Die neuen Rundfunkgebühren - ein "Service", den keiner braucht
Wenn nun bald schon die Rundfunkgebühren endgültig für alle zu einer Art Pflichtsteuer erhoben werden, und zwar unabhängig davon, ob derjenige, der da zahlt,einen Fernseher respektive ein Radio hat oder nicht, ist das für mich schon blanker Hohn. Worin liegt eine solche Pflichtabgabe denn bitteschön begründet?


Aus dem Gebühren-Wunschpunsch brauen die Senderbosse zuweilen ein ödes TV-Programm.

Es hat schon etwas von umgekehrtem Sozialismus – also quasi von einer Plutokratie – wenn sich die obsoleten Senderbosse anmaßen, der breiten Masse einen solchen Betrag aufzuerlegen. Gerade, weil der zunehmende Bedeutungsverlust der öffentlich-rechtlichen Sender offenkundig ist. Ich meine: Der mit Heile-Welt-Pathos geschwängerte Musikanten-Stadl-Irrsin und die actiongeladenen Serien-Monster der Marken "Der Alte" und "Rosamunde Pilcher" finden in meinem persönlichen TV-Zeitplan jedenfalls keinen Platz. Warum auch? Neunzig Prozent des öffentlich-rechtlichen Programms sind ohnehin an Oberflächlichkeit kaum zu überbieten. Ich erinnere an solch tolle Formate wie "Lafer! Lichter! Lecker!", wo ein komplexitärer Sternekoch mit einer kahlköpfigen Kölner Pseudo-Frohnatur Witze reisst, die keiner hören will. Wenn man füher von öffentlich-rechtlicher Seite den Informationswert als Alleinstellungsmerkmal anführte, ist es heute gerade noch ein flaches Programm-Potpourri für ältere Herrschaften, mit dem man sich hervortut. Information und coole Serien – dafür gibt's schon längst die Privaten. So taumeln die "Großen Zwei" und leiden – kaum verwunderlich – unter rückläufigen Quoten. Anstatt ihre Programm-Konzepte endlich mal auf ein jüngeres Publikum zuzuschneiden, bleibt es langweilig, monoton, beliebig – bis auf wenige Ausnahmen wie die Heute-Show vielleicht. Witzig nur, dass die bald ehemalige GEZ nun auch noch "Beitragsservice" heißen soll, dass im Jahr 2011 allein 7,5 Milliarden Euro über die staatlich-organisierte Geldeintreibe-Mafia erschlichen wurden und dass davon dann erstklassige Fernehunterhaltung wie das "Adventsfest der 100 000 Lichter" bezahlt wird. Und was noch viel spaßiger ist: Aus dem großen Gebühren-Wunschpunsch nähren sich dann diejenigen, die einem wirklichen Programm-Relaunch im Wege stehen und ihr eigenes Süppchen kochen wollen: Neun Intendanten, zehn Fernseh-Programmdirektoren, dreizehn Fernseh-Chefredakteure und viele andere – allein bei "Das Erste". Da muss man schon überlegen, ob man nicht dem Appell eines alten TV-Urgesteins nachkommen soll, das damals, in grauer Vorzeit, mit seiner Sendung dem ach so wichtigen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag wirklich noch nachkam: Peter Lustig. Dieser zeigte dem althergebrachten Kinderprogramm seinen "Löwenzahn", schuf was Neues, und forderte seine jungen Zuschauer zum "Abschalten!" auf – nach seiner Sendung natürlich. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, seinem prophetischem Credo wieder nachzukommen...
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Sonntag, 9. Dezember 2012
Die Neurose als systemstabilisierender Mechanismus im Sinne des Autopoiesis-Begriffs sensu MATURANA
Manchmal ist es schon sehr verwunderlich, in welchem Hamsterrad wir uns bewegen: In dem immer gleichen Wechselspiel von Arbeit und Haushalt bleibt uns eigentlich kaum noch die Zeit, Luft zu holen und wirklich mal zu entspannen. Oder wann haben Sie das letzte Mal mal in aller Ruhe ein Buch gelesen? Bei mir ist das schon etwas länger her, das kann Ihnen versichern. Ich frage mich dann manchmal, ob es an meiner Art der Selbstorganisation (interessanter Begriff der Systemtheorie, die um 1950 von BERTALANFFY entwickelt wurde) liegt, oder ob wir den Umstand, dass so wenig Zeit für dies und das vorhanden ist, einfach ganz allgemein auf die (post-)moderne Zeit schieben sollen... Ich meine: Solch eine Schuldzuweisung ist nun mal schnell ausgesprochen... Aber dennoch wäre das m. E. eine sehr starke Generalisierung. Sicher sind wir in einen Trott eingebunden, aus dem wir, wenn die entsprechenden Ausgleichmechanismen nicht vorhanden sind, subjektiv nicht herauskommen. Aber das war doch auch in anderen Zeiten so. Ich meine: Denken Sie nur einmal zurück an die Industrialisierung, als der stickige Qualm der Schornsteine den Himmel über den Städten verdunkelte und die Menschen zwischen zehn und zwölf Stunden schufteten und sich abmühten. Auch sie waren dem Diktat der Arbeit unterworfen und noch stärker essentiell an sie gebunden, an das Wohlwollen des Fabrikbesitzers. Aber was sich seit diesen Zeiten wohl geändert hat, um ganz bei der Systemtheorie zu bleiben, ist die ständig gestiegene Komplexität des Systems Gesellschaft und seiner Attraktoren – quantitativ und qualitativ.

Betrachten wir Menschen uns auf der Individual-Ebene als ständig um Ausgleich bemühte Teile des Systems, die ganz im Sinne des Autopoiesis-Konzepts (MATURANA, 1972) immer darin bestrebt sind, das System als solches und damit den gesamtgesellschaftlichen Kontext zu erhalten, werden gleichwohl die Zwänge offensichtlich, die mit einer solchen Ausgleichbewegung einhergehen. Mit ihr tritt nämlich ein signifikantes Charakteristikum eines Systems zutage: Dessen Emergenz (HOLLAND et. al., 1990), also die Entstehung von neuen systemischen Teilelementen aus sich selbst heraus, ohne dass sich die Existenz der neuen Elemente auf die bereits vorhandenen Teilelemente im einzelnen stützen ließe. Nicht ohne Grund wird in der Philosophie des Geistes das Konzept der Emergenz auch zur Erklärung für die Entstehung von Bewußtsein angewandt, zumindest von einigen Philosophen. Wenn wir nun die Genese des Bewußtseins also als emergenten Prozess verstehen, und dessen Resultat als quasi generiertes Filtrat des Systems begreifen, wird ersichtlich, wie sehr menschliches Bewußtsein im gesellschaftlichem Kontext verwoben ist.

Nun ist in unserer Zeit die Zahl der Attraktoren innerhalb des Systems in der Form gestiegen, als dass wir durch eine hoch spezialisierte Infra- und Kommunikationsstruktur sowie im Allgemeinen einen höheren Lebensstandard usw. erst ein Bewußtsein davon entwickeln, was unsere Möglichkeiten sind. Durch einen permanenten Prozess der Rückkopplung werden wir dabei ständig adjustiert und readjustiert und wirken ebenso auf andere Elemte des Systems. Das gesamtgesellschaftliche Bewußtsein, mit dem wir z. B. mittels Werbung und Medien konfrontiert werden, vermittelt uns schließlich einen idealtypischen Eindruck davon, welche scheinbar erstrebenswerten Ziele (z. B. Sachwerte) es zu erreichen gilt, während uns unsere Sozialisatoren einen eben solchen normativen Grundrahmen in der Kindheit gezeichnet haben. Sind die in diesen beiden Prozessen generierten unerreichbaren normativen Gebote für das Individuum irritierend, können Momente entstehen, in denen die persönliche Selbstorganisation nur unzureichend erfolgen kann und das Individuum das Systemgleichgewicht gefährdet sieht. Doch ist das Bestreben des Subjekts hin zum Gleichgewicht noch immer so stark, dass die Herstellung eben dieses Gleichgewichts durch internalisierte Normen und Werte als oberste Prämisse definiert wird. Die Internalisierung und die durch weitere Attraktoren auf das Subjekt einströmende gesellschaftliche Informationsflut geht mit einer wachsenden Zahl von Obligationen einher, das Gefühl der Überforderung entsteht.

So denke ich doch, dass die Verwendung des Autopoiesis-Konzepts schließlich auch für die Erklärung neurotischer Bewältigungsstrategien herangezogen werden kann, nämlich dann, wenn wir die Neurose als nicht rational-zweckgebundene Handlung begreifen, die aus dem System Mensch heraus als pathologische Bewußtseinsform entsteht, und ihrer Natur nach doch zutiefst der Erhaltung des gesellschaftlichen Systems dient. Die Neurose führt eine partielle, aber temporär bruchstückhafte Homöostase herbei. Bruchstückhaft deshalb, weil die Stabilisierung des Systems zwar erfolgt, jedoch das Individuum sich über die fehlgeleitete Ausgleichbewegung seines Bewusstseins stets gewahr wird und aus diesem Erkenntnisprozess heraus in seinem Empfinden Prozesse des Erleidens entstehen, die sich in neuen emergenten Formen des Bewusstseins manifestieren.
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Sonntag, 29. Juli 2012
TV aus der Retro-Konserve
Ich frage mich wirklich manchmal, in welchem Licht wir später auf unsere heutige Zeit blicken werden, auf das Hier und Jetzt. Medial scheinen wir uns jedenfalls ausnahmslos im Rückblende-Modus zu befinden – zumindest in den zahlreichen Retro-Shows, die gefühlt an jedem Arbeit über die Mattscheibe – pardon - den Flachbildschirm flimmern. Da wird in schwärmerischem Pathos von irgendwelchen D-Promis über pseudo-nostalgische Gefühle gefaselt, die besagte Personen mit Musik-Hit X oder Ereignis Y verbinden, nichtssagend, beliebig. Es ist gerade dieser permanente Wunsch nach Rückbesinnung, der in der Illusion des „Früher war doch alles besser“-Wahns gipfelt, der mich ein wenig nachdenklich werden lässt. Haben wir das nötig, uns ununterbrochen umzudrehen und über unsere Schultern zu gucken? Ist das Ganze nicht ein wenig verklärend? Oder drückt die Verklärung der Vergangenheit nicht vielleicht sogar aus, wie überdrüssig die Menschen der Gegenwart geworden sind? Während es früher die großen, aufwendig inszenierten Unterhaltungs-Shows waren, die die Zuschauer aus der Realität in einen weichgespülten Unterhaltungs-Kosmos beamten, scheint für eine Realitätsflucht heutzutage weniger auszureichen, was die Produzenten solcher Shows sehr freuen dürfte. Immerhin wird so ein Maximum an Quote mit minimalem Einsatz erreicht – ökonomische Effizienz nennt man das wohl. Olli Geissen und Co. dürften uns wohl noch weiter erhalten bleiben, und das nicht zuletzt auch deshalb, weil wir die kleine Entführung ins Reich der romantischen Jugend oder des Erwachsenwerdens so lieben. Wirklich neuartige Sende-Konzepte mit echtem Gegenwarts-Bezug bleiben dabei vorerst auf der Strecke, leider...
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