Sonntag, 13. November 2016
Amerika hatte die Wahl, Trump den Trumpf
Überall stellt man sich die Frage: Wie konnte das passieren? WTF ist mit den Amerikanern los? Doch eigentlich ist allein schon diese Fragestellung genauso naiv, wie daran zu glauben, dass Trump, der vermeintliche Messias und Revolutionär, eben jenes System verändern wird, aus dessen Schoß er geboren wurde. Dennoch. Dass jemand wie Trump in Zeiten einer lahmenden US-Wirtschaft, stagnierenden Löhnen und einer prekären Sozialpolitik das Ruder an sich reißen konnte, musste selbst dem kleinsten Advokaten des Washingtoner-Polit-Zirkus klar gewesen sein und zwar lange vor der Schlammschlacht mit Hillary.

Die Wahl Trumps spiegelt den Wunsch der großen schweigenden Mehrheit Amerikas. Nein, damit sind längst nicht nur die bildungsfernen Arbeiter des Rust Belt gemeint, die in Trailer-Parks ihr Dasein fristen, sondern auch jene gut situierten Mittelschichtler, die in sich eine abstrakte Angst verspüren. Das ist eine diffuse Angst vor Überfremdung, Angst davor, irgendwann auf die Verlierer-Straße abzubiegen und Angst, abgehängt zu werden. Irgendwie, irgendwo, irgendwann, um es mit Nenas Worten zu sagen. Da bietet die Wiederentdeckung der Nationalität unter dem Deckmäntelchen des US-amerikanischen Patriotismus einen dankbaren Schonraum, einen Gegenentwurf zu einer digitalisierten Welt, in der der Einzelne nur nützt, wenn er sich anpasst und mitzieht.

Und sind wir mal ehrlich: Hillary, die Work-around-the-clock-Strippenzieherin, schien eben jenen Menschen so weit weg zu sein vom Real-Life, wie die Einführung einer gesetzlichen Krankenversicherung unter den Republikanern.

Nein, Trump ist nicht näher am Menschen. Trump wirkt, auch wenn ich ihn noch nie kennengelernt habe, eher wie eine narzistische Karikatur seiner selbst. Das große Aber: Er setzt auf Emotion, zeigt Wut, zeigt Empörung, zeigt Hass. Eben diese Emotionalität ist es, die ihn nah am kleinen Mann erscheinen lässt, denn diese Attribute des Menschseins gingen auf dem rutschigen Parkett der Diplomatie à la Clinton, Obama und Co. zugunsten eines professionalisierten Polit-Business verloren. Auch unsere Angela lächelt immer das gleiche Lächeln und faltet die Hände in stets gleicher Manier.

Aber die „Bitte-recht-freundlich-Mentalität“ hat abgedankt. Schauen Sie in die sozialen Medien, wo anonyme Online-Rowdys ihre Hass-Tiraden kundtun. Genau diese Sprache beherrscht auch Trump aus dem Effeff und genau diese Sprache ist nah am menschlichen Alltag, ob man was von ihr hält oder nicht.

Doch Menschen lieben nicht nur Emotionen, sondern auch Simplifikationen. Das liegt nun mal in unserer Natur. Und ja, wenn dann einer daherkommt und sagt: „Die Mexikaner holen uns unsere Jobs weg, wenn wir eine Mauer bauen, wird alles gut“, dann ist das zwar eigentlich zu albern, um es glauben zu wollen, aber es bietet eine Perspektive und offenbart ein Licht am Ende des Tunnels. Auch wenn sich das Licht später als eine Fata Morgana herausstellen wird.

Übrigens ist eben dieser Hang der Menschen zur mono-kausalen Erklärung der Welt auch in Europa beobachtbar: die AfD in Deutschland, die Front National in Frankreich, Wilders in den Niederlanden. All diese politischen Phänomene bieten eine stark vereinfachte Sicht der Welt, ja, machen sie, wenn auch ideologisch verklärt, erklärbar und entwirren sie von ihrer Spezifizität, die entfremdet und uns machtlos erscheinen lässt. Trump ist da nur ein Beispiel von vielen. Was all diese Bewegungen eint, ist ihre autoritäre Struktur, ihr Wunsch nach absolutistischer Führung und ihr Streben nach einem neuen, idealtypischen Weltbild, in dem die eigene Position gestärkt und alle anderen geschwächt werden. Einzig, es sind theoretische Konstrukte, die sich in die Welt nicht übertragen lassen, weil sie eben Ideologien sein. Und das ist gut so.

Was Amerika und alle anderen mit Trump erwartet, vermag niemand zu sagen. Fakt ist, Donald Trump wird und muss längerfristig enttäuschen und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, da die Erwartungshaltungen, aber auch die eigenen Versprechen so maßlos und unrealistisch sind, dass ihm nichts anderes übrig bleiben wird.

Fakt ist aber auch, dass alle Politiker dieser Erde ihm genau so ins Gesicht lächeln werden, wie sie das schon bei seinen Vorgängern getan haben. Und was wichtiger ist: Sie werden ihre pseudo-demokratische Politik, die auf Neoliberalismus und Lobbyismus setzt, nicht ändern. Was das für unsere politische Landschaft in Deutschland heißt, können wir dann im Jahr 2017 live erleben. Dann ist Bundestagswahl und die AfD wird meiner Prognose nach zweistellig in den Bundestag einziehen. Wie so etwas passieren konnte, wird man sich auch dann fragen. Und die Antwort nehme ich vorweg: Populismus siegt nur dort, wo die Realpolitik in vollem Maße versagt hat.
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Sonntag, 9. Oktober 2016
Überlegungen zu Martin Heidegger und der Seins-Vergessenheit
Martin Heidegger kategorisiert das Wesen unserer Zeit durch eine Tendenz zur Seins-Vergessenheit. Das Sein als mythologischer Wesensgrund gilt ihm als basales Fundament, auf das das Topos Menschheit fußt, ja, das es seinem Wesen nach 'beseelt" und gar belebt. Das Sein des Seienden zu ergründen, ist folglich sein innerstes Ziel. Das setzt die Verschiebung des interpretativen Deutungshorizonts, dessen sich die abendländische Philisophie bis dato bediente, voraus. Und zwar hin zu einer exzentrischen Interpretation dessen, was das Wesen der Welt, um mit Goethes Faust zu sprechen, im Innersten zusammenhält. Die Entdeckung dieser neuen Innenheit, dem tiefgründigen Sinnesgrund, bedingt zwangsläufig die Dekonstruktion der Welt, und zwar in der Form, als dass sie als ein in sich selbst zusammengesetzes Wirkprinzip verstanden wird, dessen Gesetzmäßigkeiten uns nur rudimentär offenkundig sind. Ebendann, wenn es uns mittels Wahrnehmung gewahr wird, erkennen wir das Seiende an, ohne uns jedoch der Macht des Seins, das die emanzipatorische Kraft des Seienden in sich bündelt, bewusst zu sein. Das Sein ist als mystische Größe sinngebend, in dem es dem Seienden ein höheres, metaphysisches Prinzip zuteil werden lässt. Um das Wesen des Seins selbst zu ergründen, um sich ihm in so weit anzunähern, dass es sich dem menschlichen Verstand zumindest tendenziell erschließt, bräuchte es eine analytische Schnittstelle, die den Einstieg hin zu den Tiefen der Deutunghorizonte erlaubt, nur um an jenem mythischen Ort das zu erkennen, was alle Qualität des Seins erst ausmacht. Eine solche analytische Schnittstelle, in der sich die menschliche Innen- und Außennwelt gleichzeitig begegnen, könnte meiner Meinung nach die Sprache sein, und zwar indem man sie dem Gehalt nach untersucht, sie von dem in unserer Zeit gängigen Grundrauschen befreie und über alles, was man nichts sagen kann, schweigt. Ja, dieser Satz stammt von einem Zeitgenossen Heideggers und ja, Wittgenstein hat Recht, wenn er seinen durch analytische Betrachtung der Sprachspiele geleiteten Versuch zur Standortbestimmung der Philosophie unternimmt. Sprache versinnbildlicht, als mit Deutungen besetzes System von gegenseitig ausgehandelten Symbolen, doch die Schnittstelle zwischen ontho- und phylogenetischer Seinswerdung, und indem sie Sprechakte gebiert, gibt sie dem Seienden nicht nur einen Namen, sondern auch ein "Bild von" und einen "Bezug auf". Nun könnte man, wenn man die Sprache als evolutions-historischen Akt der Menschwerdung begeift, einwenden, dass sie selbst sich in den Jahrtausenden so glatt an den Klippen der Geschichte abgeschliffen hat, dass ein Erkennen des Wesensgrundes verborgen bleiben könnte, wenn man sich ihrer als Medium zur tieferen Seins-Erkenntnis bedient. Doch, so meine ich, ist ihr noch immer das Prinzip des Seins gemein, da sie sich nämlich, ihrer Natur nach, ein Bild von der Welt macht und Begriffe schafft. Sie ist der geeignete modus operandi, um einen Vorstoß hin zu dem vorzunehmen, was Kant "das Ding an sich" nannte, und zwar einzig, um uns der leeren Begriffschablonen zu entledigen, die uns tagtäglich in eine Sprachwüste führen, die uns dort mit illosorischen Bildern von der Wirklichkeit zu entfremden, die, sensu Heidegger, in die Seins-Vergessenheit münden. Das "Sehen, was ist" erfordert gleichsam eine Schärfung des Begriffs, eine Rückbesinnung auf dessen ureigensten Kern, namentlich die Begreiffbarmachung der Welt, ohne Umschweife, dafür mit analytischer Präzision. Ulrich Oevermann hat eben diese onthologische Bedeutung der Sprache als Medium zum Verständnis objektiver Sinnstrukturen herausgearbeitet, da nämlich die Ausdruckgestalten der Sprache durch generative Algorithmen erzeugt werden, und deren objektive Bedeutungen dem subjektiven Intentionen konstitutionslogisch vorausliegen. Indem die Objektivität der Sprache vorausgesetzt, und ihre latenten Sinnstrukturen entblößt werden können, kann Sprache auch der Einstieg zum Ergründen des Heideggerschen Seins-Verständnisses sein, freilich nur, wenn man sich Oevermanns Glaube an die Sequentialität menschlicher Lebenspraxis zueigen macht, und Sprache als Mittel zur Rekonstruktion generalisierbarer Handlungsstrukturen begreift. Sprache offenbart demnach sinnlogische Erzeugungsregeln und bietet gleichsam Handlungsmaximen, die das Subjekt gleichsam zum Agieren in der Welt, namentlich innerhalb seiner Lebenspraxis zwingen und idealtypisch in eine autonome Lebenspraxis entlassen.

In Sprache wird Handeln offenbar. Aus Kommunikation wird Interaktion geboren. Hier sehen wir, wie die sprachliche Ebene und jene der Interaktion gleichsam zusammenfließen und Handeln quasi via Sprache konstituiert und zur Lebenwirklichkeit des Seienden wird. Sprache offenbart folglich den Willen des Menschen im Sinne Schoppenhauers, und zwar indem sie sein Innerstes nach außen kehrt.

Wenn dem so ist, so lässt sich auch aus dem kommunikativen Akt, also dem Verschmelzen von Sprechakt dem sichtbaren Handeln, wieder zurückgehen zum eigentlichen Kern dessen, was das Sein selbst bedingt, sprich: die innere Natur des Seins selbst. Dieses Zurückgehen, was man auch als ein "Auf den Grund gehen von" bezeichnen kann, vollzieht ebenfalls Oevermanns Verfahren durch das Hinein- und Herangehen in die soziale Lebenswirklichkeit des materialisierten Textes, und zwar, mittels der interdisziplinären Verschmelzung der Erkenntnisse aus allen Erfahrungswissenschaften und der Herausarbeitung einer generalisierbaren Struktur, sprich: der Fallstruktur, die sich aus dem Spannungsverhältnis von "token" (Einzelelement) und "type" (Typisierung) des jeweiligen Falls erst ergibt. Diese strukturlogische Ableitung, hin zum Sein, dieser Weg von der Sprache zur Rekonstruktion der Lebenspraxis, ist der richtige und zwar auch dann, wenn Overmanns Verfahren erst dort ansetzt, wo die Routine zur Krise und damit zum Fall wird.

Vielmehr plädiere ich für eine Anwendung der Methodologie auch auf Sprach- und Sinngehalte sowie Texte, die die Alltagsroutine von Subjekten spiegeln und diese schließlich zum Untersuchungsgegenstand macht. Die hermeneutische Auslegung des Textes im Sinne Gadamers, das Herausbringen der Wahrheit und ihre Entfesselung schließlich soll dabei die oberste Prämisse sein, denn sie führt, zumindest partiell, heran an das Sein, indem sie die "Enttäuschung" der Begriffe, und zwar dem Wortsinn nach, zu ihrem Credo macht.

Über das Sprachverständnis können, beispielsweise mittels Psychologie und Sozio-Lingustik, Aussagen über die Welt getroffen werden, die qualitative, in diesem Sinne subjektive, Attribute des sozialen Arrangements berücksichtigen und dennoch objektivierbar sind. Nehmen wir das Beispiel der Worthülse X, die aus den Komponenten A, B,C besteht. Demnach müsste eine Seins-Analyse zunächst die Komponenten A, B, C offenlegen, dann jedoch auch den sozialen Kontext berücksichtigen, in dem das Produkt entstehen konnte, und müsste auch die Variablen Raum und Zeit aufgreifen. Dann würde eine solche Herangehensweise für das Wort "Kugelschreiber" bedeuten, dass die Bezeichnung bzw. der Begriff im historischen Kontext des 19. Jahrhunderts eingebettet ist, was gleichsam den sich materialisierenden Gegenstand in jenen zeitlichen Rahmen rückt und sich inhaltlich auf ein Schreibgerät bezieht, das mittels einer Kugel Tinte auf Papier übeträgt. Das meine ich mit Präzision des Begriffs: eine Dekonstruktion des Sachverhalts, um eine stichhaltige Rekonstruktion zur Seins-Erinnerung durchführen zu können.

Nun sollte jedoch bei allem Erinnern nicht vergessen werden, dass die Hermeneutik als solche es vermag, die subjektiv-menschlichen Bedeutungsgehalte zutage zu bringen und Begriffe zu Inhalten wissenschaftlicher Auslegung zu machen, doch wir werden uns auch damit abfinden müssen, dass es abstrakte, vielleicht metaphysische Aspekte gibt, deren Bedeutungsgehalte uns gänzlich verschlossen bleiben. Eben weil wir vielleicht anderer Werkzeuge bedürften, um sie aus dem Wust der Wörter zu bergen. Um dem Sein auf die Spur zukommen, muss also die absolute Realität desselben geborgen und seine Struktur entfesselt werden. Ich will an dieser Stelle die Objektive Hermeneutik zwar als eine mögliche Methode zum Beschreiten dieses Weges anführen, aber nicht zur ultima ratio erheben. Denn eine Methode, die von sich behauptet, objektiv zu sein, nur weil sie subjektive Bedeutungsgehalte wiederspiegelt, mag vergessen, dass der Forscher, der forscht, immer in dem Moment zum Teil der Lebenswelt des Subjekts wird, wenn er das Spielfeld der Feldforschung betritt und er die Lebenswelt im Moment der Interaktion schon verändert.
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Montag, 15. August 2016
Warum "Hipster" eigentlich uncool sind
Wir leben in einer Zeit der Dauerbespaßung, in einer Zeit des Um-sich-selbst-Drehens und des Auf-sich-selbst-Beziehens. Der Gipfel dieses Egozentrimus mündet in einem Kunstbegriff, in einer Kategorisierung, die dem Glauben an Kommerz, dem dinglichen Besitz, dem Amüsement und der Ästhetik des Momentums huldigt und dabei jegliches gesamtgesellschaftliche Interesse verliert: dem sogenannten "Hipster". Hipster, das sind Marken-affine, frisch-rasierte und Sneaker-tragende Menschen, die sich meist jünger fühlen, als sie es biologisch sind. Sie quetschen sich in schlacksige Designer-Shirts, tragen Brillen aus handgemachten Holzgestellen und finden Foodfestivals und Open-Airs auch um die vierzig noch sowas von hipp.

Drei Tage im Schlamm zelten, dazu Dosenbier trinken und irgendeine Punkband sehen, die längst nicht mehr Punk, sondern Mainstream ist? Für den Hipster von heute ist genau das kein Poblem, denn, unabhängig vom Happening, wird bei ihm alles zum Event.

Auch Terroranschläge können einen solchen entpolitirisierten Menschen natürlich nicht beeindrucken. Er fliegt weiterhin ans Mittelmeer und geht auf Konzertbesuche. Auch wenn es ihm vermeintlich nur darum geht, auf seinen freiheitlichen Werten zu beharren: Der Hipster hat keine politische Gesinnung. Ihm ist es also völlig einerlei, ob in Istambul oder in Hamburg eine Bombe hoch geht. Passieren, so sagt er, könne das ja schließlich überall. Ja, so spricht einer, für den Amüsement längst Teil seiner Persönlichkeit ist, der die Befriedigung seines Bedürfnisses über alles andere stellt und der einfach nicht mehr verzichten kann.

Er, der konsumfreudige Festangestellte, geht dahin, wo die Massen sind. Denn das Leben ist ein großes Spiel, bei dem man sich Konzerte, Urlaube, ja: die nötige Entspannung, eben einfach verdient hat. Und Entspannung, die erlangt man nur dann,wenn man was erlebt und das verdiente Geld für Flüge oder Konzerttickets ausgibt. So weit, so gut. Lassen Sie ihnen doch ihren Spaß, werden Sie sagen. Ganz so einfach ist es nicht. Denn die Welt ist kompliziert geworden. Sicher, vielleicht ist das Wegfahren, Hingehen und "Abgehen" eine menschliche Tendenz zur Verdrängung, vielleicht ging es uns ja auch noch nie so gut wie heute. Vielleicht ist das aber alles eine Illusion. Denn der Hipster, so cool er sich auch fühlen mag, ist das Ergebnis unserer kapitalistischen Gesellschaft. Er ist das Produkt derer, die ihn erschaffen haben, das kleinste Glied einer Generation, die keinen Hunger kennt, die konsumiert ohne darüber nachzudenken eben weil sie darauf konditioniert wurde, die sich Bärte wachsen lässt, im Bio-Markt um die Ecke einkauft, sich über Rabatte freut und damit eines aus den Augen verliert: die eigene Mündigkeit selbst. Wo Life zu Style wird, gehen tiefere, sinngebende Ideale verloren und münden in eine oberflächliche Ich-will-alles-und-zwar-gleich Mentalität. Ich will in Urlaub? Also fliege ich! Ich will auf ein Konzert? Dann her mit den Tickets. So verliert sich der Hipster in seinem hedonitischen Drehen um sich selbst, wird zur unruhigen Seele, die nur in den pseudo-melancholischen Songtexten à la Phillipp Poisel und Anne-May-Kantereit zeitweise Erlösung findet, denn diese drehen sich, wie das Leben des Hipsters, ums eigene Ich. Doch das Ich des Hipsters nährt seinen Egozentrismus durch materiellen Besitz und Konsum. Folglich wird die Quelle dessen, was diesen Konsum überhaupt erst ermöglicht, zum wichtigsten Gut im Leben erhoben: die Arbeit, die Quelle des persönlichen Wohlstands, die nie versiegen darf. Wohlgemerkt: Der Hipster sieht die Arbeit nicht als emanzpatorische Chance, sondern nutzt sie als Mittel, seinen Lebensstil finanzieren zu können.

Und wenn diese Quelle materiellen Wohlstands versiegt, und der der Hipster mit den gesellschaftlichen Realitäten Mindestlohn, Arbeitsmarkt und Leiharbeit konfontiert wird, platzt die Blase vom synthetischen Glück auf Raten und er verfällt in eine tiefe Depression, die selbst Herr Poisel nicht mehr zu lindern vermag.

Aus makro-gesellschaftlicher Sicht haben sich die Herrschenden mit dem "Hipster" jenen devoten Typus von Mensch geschaffen, den es braucht, um weiter zu herrschen. Ja, genießt ihr nur Brot und Spiele, pilgert zum nächsten Festival, konsumiert eifrig und grinst dabei auf Facebook debil in die Handy-Cam. Brot und Spiele, das Rezept hat ja auch damals schon im Römischen Reich funktioniert. Zumindest bis es unterging.
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Donnerstag, 11. August 2016
Reich an Erfahung – ein frommer Wunsch
Die gestörte Triebstruktur war für Wilhelm Reich die Grundlage der Neurose, die Hinführung zur vollumfänglichen Erlebnisfähigkeit gleichzeitig das einzige Therapieziel zu deren Heilung, im zwischenmenschlichen, aber auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext. In seiner "Massenpsychologie des Faschismus" (1933) behandelt Reich das Phänomen, indem er zwischen autoritärer Triebunterdrückung und der faschistischen Ideologie einen kausalen Zusammenhang herstellt. In einer patriachalischen Familie als Keimzelle des Staates, so Reich, würden die Charaktere erst geschaffen, die sich trotz Not und Erniedrigung den Herrschenden unterwürfen. Heute lesen diese charakterlosen Charaktere die BLÖD-Zeitung oder klotzen RTL II und bieten den neuen Diktatoren dieser Welt fruchtbaren Boden. Die Persönlichkeitseigenschaften der autoritären Charaktere haben sich indess nicht verändert und treffen immer noch zu – früher auf Hitler und Amin, heute auf Putin und Trump: Sie alle waren und sind geprägt von Destruktivität, Autoritarismus, Rassismus und Ethnozentrismus und kamen und kommen dennoch gut an beim eigenen Volk. Zunächst zumindest. Doch woran liegt das? Schon Erich Fromm stellte in seinem 1941 erschienen Buch "Esacape from Freedom" die willentliche Flucht des Menschen vor der Freiheit fest. Das innermenschliche Streben nach Konformität tritt anstelle des Pluralismus, nur um das Individuum in trügerischer Sicherheit zu wiegen. Genau darin liegt der verführerische Mehrgewinn, in der vermeintlichen Sicherheit, die die falschen Führer den Geführten anbieten. Utopische Allmachtfantasien treten anstelle einer Ultima Ratio, Verklärung wird zum dankbar aufgegriffenen Common Sense, der Diktator schließlich zur Erlöser-Figur, zum Retter der Welt, der alle Geschicke zu steuern vermag und alles zum Guten wendet. Welch fataler Irrglaube und gefährlicher Trugschluss. Anders als Reich, sah Fromm nicht die Triebstruktur des Menschen als entscheidenden Faktor für eine solche Tendenz der menschlichen Persönlichkeit zur Unterodnung an, sondern die menschliche Unfähigkeit, mit der Freiheit überhaupt umgehen und darin eigenverantwortlich handeln zu können. Diese Erkenntnis, so schwer sie auch zu ertragen ist, gilt wohl leider auch noch heute. Schauen Sie nur mal in die Gesichter der SUV-fahrenden, überfressenen, Kredit-Haus-Finanzierer auf Donald Trumps Wahlveranstaltungen. God bless America, so hoffe ich dann. Und wenn, dann bitte schnell und bitte gleich.

Trotz des Fromm'schen und Reich'schen Wissensschatzes scheinen Menschen en gros noch längst nicht reich an Erfahrung geworden zu sein. Ergo: Die Zahl der Diktatoren weltweit steigt. Im Osten Putin, Kacynski, Assad und Erdogan, im Westen Le Pen, Wilders und Trump.

Doch nicht nur in den Herrschaftssphären der Despoten, sondern auch in unserem Land lassen wir uns gerne unterdrücken, ducken uns weg und verkriechen uns. Was können und müssen wir tun, um in diesen schwierigen Zeiten nicht in einen regiden Fatalismus zu fallen, der uns die Geschehnisse auf der weltpolitischen Bühne nur als Zuschauer in den hinteren Reihen beonachten lässt? Schwer ist zu ertragen, was da geschieht allemal, denn die Welt ist kompliziert geworden und kein monothematisches Gebilde, wie uns die AfD und ihre Helfers Helfers es uns glauben machen wollen. Doch die Verheißungen der Wohlstandsgesellschaft sind süß, sehr süß. In Zeiten globalisierter Waffendeals, des Flüchlings-Schachs und der Verunsicherung ist es leichter, sich mit dem materiellem Besitz zufrieden zu geben, denn er gibt, ganau so wie der Diktator seinem Volke, Sicherheit, Ruhe und macht träge.

Indem wir allerdings nichts tun und uns unterordnen, verraten wir die Eckpfeiler unserer Gesellschaft selbst. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – diese Trias des westeuropäischen Kulturraums verkommt zur hohlen Phrase. Damals, in den späten 1960er Jahren, war das anders. Wo sind sie hin, die mündigen Bürger, die demonstrieren, aufbegehren und sich ganz im Sinne des Philosophen Stéphane Hessel empören? Gründe dafür gäbe es bei Gott genug. Wo seid ihr? Das frage ich mich wirklich.
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